30. Useletter- Lernen von Amazon – work hard, have fun and make history

Liebe Leser,

amazon – es gibt kaum noch jemanden der ihn nicht kennt, DEN Online-Versandhändler, der es innerhalb von knapp 25 Jahren geschafft hat, sich unter die weltweit erfolgreichsten Unternehmen zu mischen.

Und wer möchte nicht das Erfolgsgeheimnis von amazon knacken, um es selber ein stückweit auch in seinem eigenen Unternehmen zu integrieren. Heute möchte ich Ihnen daher die Gelegenheit geben, einen Einblick in die amazon-Welt zu bekommen und habe dafür einen ehemaligen Insider zum Gespräch eingeladen.

Frau Claudia Maier, Leiter Corporate Marketing der BayWa, war zu Startup-Zeiten für amazon in Seattle tätig und lässt uns heute an ihren damaligen Eindrücken und Erfahrungen teilhaben.

 

HP: Frau Maier,  lassen Sie uns gleich mit einer der Fragen beginnen, die den Lesern sicherlich schon unter den Nägeln brennt. Was glauben Sie war damals in den späten 90ern schon angelegt, um diesen Welterfolg zu ermöglichen?

Sicherlich das große Denken. Auch geprägt durch den besonderen Spirit an der Westküste zu dieser Zeit. „Wir können alles schaffen“, „Uns gehört die Welt“, „Du hast alle Möglichkeiten“, „trial and error“, solche Sätze haben die Menschen in sich getragen. Und diese Mentalität war auch in den Karrieren bei amazon zu spüren. Denn jeder – egal welche Management-Ebene – ist anfänglich mindestens zwei Wochen lang durch das „customer service training“ gegangen. Und danach gab es für jeden die Chance, sich relativ schnell hochzuarbeiten und zum Beispiel eine Teamlead-Funktion zu bekommen, von der aus es wieder Möglichkeiten zur Weiterentwicklung gab.

Ein weiterer wichtiger Faktor war: work hard. Plus, die vielen Ideen, die damals schon da waren. Als ich nach Seattle kam, war das Buch- und Musikgeschäft das große Thema und gleichzeitig war amazon schon dran, weitere Funktionalitäten auszurollen. Es wurden damals bereits virtuelle Marktplätze mit Auktionen angelegt. Die sind dann in UK getestet und im Anschluss in Deutschland ausgerollt worden. Schon zu der Zeit wurde permanent Neues ausprobiert und weiterentwickelt.

 

HP: Frau Maier, gehen wir nochmal zu Ihren Anfängen bei amazon zurück. Was hat Sie denn damals nach Seattle gebracht?

CM: Ich bin Ende der 90er als Praktikantin nach abgeschlossenem Studium im Customer Service zu amazon gekommen. amazon hatte damals – nach dem Kauf des Regensburger Bücherdienstes telebuch.de – die Idee, junge, deutsche Akademiker in Seattle auszubilden und diese dann wieder nach Deutschland zurück zu senden, um die amazon-Kultur vor Ort in der mittleren Management Ebene einzuführen.

 

HP: Wenn Sie sich zurück erinnern, können Sie sagen, wie viele Leute haben damals schon bei amazon gearbeitet haben und wie die Stimmung war?

CM: Damals war es noch ein richtiges Startup mit dem entsprechenden Feeling. Ein Beispiel: zu Beginn meines Praktikums wurden die Mitarbeiterversammlungen noch in einem Theater in Seattle organisiert und nach kurzer Zeit wurde schon das Seattle Conference Center angemietet, in dem zwischen 800 und 1.000 Mitarbeitern gewesen sein müssen.

Anfangs saßen wir im Customer Service auch noch mitten im Gewerbepark, direkt neben der Logistik. Doch schon nach wenigen Wochen haben wir gemerkt, dass der Platz nicht mehr reicht. Die Räumlichkeiten mussten ständig vergrößert werden, bis wir dann in die Stadt umgezogen sind. Es gab in den Büroräumen keine Kantine. Dafür große Küchen, mit vielen Tischen und jeder Menge Kühlschränke für selbstmitgebrachtes Essen. Das waren die zentralen Treffpunkte, wo man sich auch täglich getroffen hat, um gemeinsam mit den Kollegen Mittag zu essen, sich auszutauschen.

 

HP: Was haben Sie von Jeff Bezos mitbekommen? Wie würden Sie ihn beschreiben?

CM: Ich hatte schon einiges über ihn in den Medien gelesen und dann stand er auf einmal da, so ganz normal und nicht sonderlich groß. Das war irgendwie überraschend für mich. Er hatte eine sympathische Aura und war auch immer sehr „casual“ angezogen. Zu dieser Zeit war er noch sehr nahbar. Bei dem jährlichen „Sommer-Picknick“ damals, war er zum Beispiel noch mitten drin.  Dieses Bild passt vor dem Hintergrund der heutigen Medienberichte über amazon vielleicht nicht mehr so, doch damals wirkte er sehr menschennah und war eine Persönlichkeit mit einer Vision und großer Begeisterungskraft.

 

HP: Glauben Sie, dass amazon eine Jeff Bezos Firma ist und von ihm persönlich geprägt wurde?

CM: Ganz klar, ja. Damals hatte ich den Eindruck, dass die Firma auf jeden Fall stark von ihm geprägt war. Er war die Leuchtfigur. Der, der für den Namen stand. Der, der das Unternehmen gegründet hat.

 

HP: War die amerikanische „Yes, we can – Mentalität“ bei amazon besonders stark ausgeprägt?

CM: Ich habe keinen direkten Vergleich mit anderen Unternehmen dort. Doch ich würde sagen: „Ja, es war besonders stark!“ So hat sich zum Beispiel der Unternehmensslogan „work hard, have fun and make history“ in meinem Gehirn fest verankert und ich verbinde ihn immer noch mit amazon. Genauso wie die wahnsinnige Aufbruchsstimmung und positive Begeisterungskraft, die ich bei jeder Mitarbeiterversammlung erlebt habe.

Und diese Kombination aus hoher Leistungsbereitschaft, dem Spaß dabei und der großen Vision des „alles ist möglich“, haben den Unternehmenserfolg mit geprägt. Daher hat es mich überhaupt nicht überrascht, als auf einmal die amazon-Uhr auf den Markt gekommen ist oder die Info, dass Jeff Bezos vorhat, ins Weltall zu reisen.

 

HP: Was können Firmen von amazon damals lernen, um einen vergleichbaren Erfolg zu haben?

CM: Das Engagement und die Leistungsbereitschaft, viel zu geben, würde ich sagen. Eine fast kindliche Neugier und eine gewisse Leichtigkeit und Gelassenheit an Dinge heran zu gehen. Einfach mal schauen, und probieren und wenn es nicht klappt, dann ist es auch nicht schlimm. Diese Kultur des Ausprobierens war damals sehr wichtig.

Genauso wie der „Spaßfaktor“. Kollegen waren Freunde und man hat sich immer gemeinsam nach der Arbeit noch auf ein Bier getroffen – es war eine tolle Atmosphäre. Daher wurde die Arbeit auch nicht immer unmittelbar als Arbeit wahrgenommen, denn es hat Spaß gemacht und das hat die Leute auch angetrieben.

Neben dem „Spaßfaktor“ gab es natürlich auch Vorgaben, die uns die Führungskräfte gemacht haben. Doch sie haben es auf eine kooperativ, partizipative Art und Weise gemacht. Außerdem wurden wir Mitarbeiter so eingesetzt, dass es unseren jeweiligen Stärken zuträglich war und wir gleichzeitig auch unsere Freiheiten hatten. Ein Stil, der gefruchtet hat.

 

HP: Welchen Tipp haben Sie an Führungskräfte, um einen Spirit zu kreieren, der dem von amazon damals ähnelt?

CM: Eine Kultur zu schaffen, in der keine Angst herrscht. In der es Fehler geben darf. Und dabei gleichzeitig Innovationen zu zulassen. Die Arbeitsatmosphäre so zu kreieren, dass Kreativität, Spaß an der Arbeit und damit auch völlig verrückte Ideen auf fruchtbaren Boden fallen und nicht durch Prozesse, Guidelines und typische Vorgaben erdrückt werden.

Ich glaube, das ist in vielen deutschen Unternehmen der Fall, dass wir durch Pflichtbewusstsein und Verantwortungsgefühl geleitet sind und dadurch den Raum für Neues oft versperren. Und dann müssen wir uns masterplanmäßig vornehmen, Neues zu generieren. Die Folge sind die so genannten „Think Tanks“ oder nun neu „Innovation Labs“ in den Unternehmen. Dabei wäre es doch schön, wenn es in jedem Bereich eines Unternehmens mehr Raum für neue Ideen gäbe.

Und mit diesem inspirierenden Abschluss möchte ich mich ganz herzlich bei Claudia Maier für dieses Interview bedanken.

Ihr Hanno Poggemöller

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