„Wir schaffen das“ reicht nicht: So könnte Angela Merkel uns wirklich mitreißen

Die Regierung scheint mit der Steuerung der Flüchtlingskrise überfordert, der Widerstand gegen Merkel wächst. Sie könnte sich jedoch einige Strategien von Firmenlenkern abschauen, um das soziale Gebilde „Deutschland“ erfolgreich durch die Krise zu führen. Fünf Tipps vom Profi.

Angela Merkels Kurs in der Flüchtlingspolitik ist stark umstritten. Aber ist er deshalb auch falsch? Um ihre Politik zu beurteilen, bietet es sich an, die Merkel’sche Führungskompetenz in der Flüchtlingskrise mit den Aspekten erfolgreicher Führung eines Unternehmens durch einen Wandel zu vergleichen. Der Vergleich ist zulässig: Firmenlenker müssen für einen massiven Kurswechsel in ihrer Firma die Mitarbeiter und Führungskräfte hinter sich bringen. Unsere Bundeskanzlerin muss 80 Millionen Menschen von Ihrem Vorgehen überzeugen. Falls dies nicht gelingt, wird sie scheitern.

Was würde ein Firmenlenker tun, wenn sein Unternehmen einem massiven Wandel gegenübersteht? Etwa die Einführung einer neuen Strategie, die Bewältigung einer Abgaskrise oder ähnliches? Im Sinne eines effektiven Change Managements sollten diese fünf Aspekte Beachtung finden:

1. Eine positive Zukunftsvision vor Augen führen

Warum sollten Mitarbeiter und Führungskräfte freiwillig und mit Herz einer neuen Strategie mit neuen Prozessen oder einer neuen Arbeitskultur folgen? Der Vorstand kann so etwas zwar per Hierarchie anordnen, aber Herzen und echten Willen bekommt man so nicht. Dafür braucht es eine positive Vision der Zukunft. Ein attraktives Szenario, das alle Mitarbeiter gut finden und an dem sie mitwirken möchten. Das kann große Kraft und Motivation freisetzen.

Leider hat Angela Merkel in diesem Fall keinen guten Job gemacht. Um ehrlich zu sein: Überhaupt keinen. Und leider auch kein mir bekannter Politiker der aktuellen Regierung. Was hätte Merkel tun müssen und tun können? Sie hätte gemeinsam mit Vertretern von Interessengruppen eine Vision für die deutsche Gesellschaft der Zukunft entwickeln können, ja entwickeln müssen.

Eine Vision haben wir für die deutsche Gesellschaft nicht. Und gerade in der Flüchtlingskrise, bei der so vieles ins Wanken gerät, wäre eine Vision, die einen positiven Ausgang prognostiziert, absolut hilfreich. Nicht ausreichend, aber ein wichtiger Teilaspekt.

Eine tragfähige Vision müsste Fragen beantworten wie: Wie können wir so viele Menschen erfolgreich integrieren? Wie sieht die neue Gesellschaft aus? Wie wird unser Leben sein? Wo werden wir eine erfolgreiche Integration wie merken? Idealerweise wird so eine Vision nicht am stillen Schreibtisch einer Frau Merkel entwickelt, sondern unter Teilnahme von Vertretern aus allen wesentlichen Bevölkerungsgruppen.

2. Einen Maßnahmenplan kommunizieren

Doch auch eine Vision alleine reicht nicht. In Firmen wollen viele Menschen danach wissen: Was genau sind die nächsten Schritte, um dies schaffen zu können? In Firmen ist es daher üblich, dass konkrete Strategien und operative Pläne entwickelt werden, um die ersten Erfolge zur Realisierung der Vision schaffen zu können. Denn manche Mitarbeiter und Führungskräfte brauchen Details, um an das große Ganze glauben zu können und zu wissen, was ihr eigener Anteil daran sein kann.

Genauso ist es in der Flüchtlingskrise. „Wir schaffen das“ ist schön, aber es fehlt der konkrete Plan, wie wir es schaffen. Merkel hat es bisher nicht verstanden, dem Volk konkrete Maßnahmenpläne in verständlicher und nachvollziehbarer Form nahezubringen. Manche ihrer Kritiker sagen, sie habe diese Pläne gar nicht. Ich persönlich glaube das nicht. Nur hat sie es komplett versäumt, den Menschen Sicherheit zu geben, indem sie durch ihre Pläne beweist: „Ich weiß genau was ich tue und hier ist mein Plan“.

3. Den Widerstand ernst nehmen

Immer wenn Firmen einen großen Wandel ausrufen, gibt es Widerstand. Immer. Es sein denn, der Wandel wird genau in der geplanten Form herbeigesehnt, weil die Notwendigkeit absolut offensichtlich ist. Widerstand drückt in Unternehmen häufig Verlustängste aus: Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes, der gewohnten Arbeitsabläufe, der liebgewonnenen Besitztümer oder von Einfluss und Macht.

In der Flüchtlingskrise gibt es diese Ängste in der deutschen Bevölkerung auch. Also muss man ihnen offen und aufrichtig begegnen.

Regelmäßige Kommunikation, Austausch mit der Bevölkerung und das Aufzeigen von Alternativen sind hier gute Mittel. Vereinzelte Bürgerdialoge sind zu wenig. Menschen werden nicht freiwillig eine Gewohnheit oder einen Besitzstand aufgeben, wenn keine Alternative da ist. Und diese Alternativen wurden nicht aufgezeigt. Ein Beispiel wäre: Wie können wir die Werte unserer Gesellschaft weiterhin stark verankern, obwohl ein Durchmischen mit anderen Bevölkerungsgruppen stattfindet?

4. Stabilität durch Werte

Während eines Wandels in einem Unternehmen müssen manche Dinge stabil bleiben. Halt geben. Und das können etwa Firmenwerte sein. Am besten kann ich dies an einem Beispiel erläutern: Ein Kunde von uns befindet sich in einem intensiven Change-Prozess. In diesem Rahmen fiel die Frage, ob man nicht auch die Werte an die heutige Zeit anpassen müsste. Die klare Antwort des Vorstandsvorsitzenden: Nein, die Werte sind unantastbar. Es ist jedoch sinnvoll zu schauen, was die Werte in heutigen Zeiten bedeuten.

Wunderbar. Diese Besinnung auf Werte gibt Halt, gerade in wackeligen Zeiten.

Unsere Kanzlerin hat leider versäumt, auf diesen Aspekt  frühzeitig einzugehen. Erst durch den massiven Druck der vergangenen Wochen hat sie geäußert, dass Flüchtling deutsche Werte ernst nehmen müssen. Unter Aspekten des Change Managements ist dieser Schritt jedoch unabdingbar.

5. „Wir schaffen das“

Ein Firmenlenker sollte ein positives, authentisches und starkes Gefühl ausstrahlen und klar signalisieren: Ich stehe vollkommen hinter diesem Plan und ich glaube an seine Umsetzbarkeit. Genau das ist etwas, was Firmenlenkern häufig schwer fällt. Denn Vorstände sind Angestellte auf Zeit. Das Unternehmen ist nicht ihr eigenes, das sie mit einem sehr langfristigem Fokus entwickeln wollen. Oft genug zählt eher der kurzfristige Erfolg.

Frau Merkel ist hier einmal das positive Gegenstück. Sie glaubt daran, sie hält durch, trotz aller Widerstände. Bezüglich dieses Aspekts finde ich das absolut bewundernswert.

Es ist relativ offensichtlich, dass sich die deutsche und auch die europäische Gesellschaft mitten in einem Wandel befindet. Die Steuerung dieses Prozesses sollten wir nicht dem Zufall überlassen. Besonnene Staatenlenker sind notwendig, die ihre jeweiligen Bevölkerungen mitnehmen in eine neue Ära des neuen Europas. Wer wird hier der große Vordenker sein?

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